Für die andere Hälfte bin ich zuständig!
NOVEMBER HIGHLIGHTS

MEINE FRAU SAGT: DAS TUT DIR GUT! Fredy Gnehm entdeckt die Yoga Academy Winterthur.
Für die andere Hälfte bin ich zuständig!
Meine Frau schickte mir neulich einen Artikel mit dem Titel: «Eine aufrechte Wirbelsäule löst die Hälfte der Probleme.» Ich las ihn am Küchentisch. Sicherheitshalber blieb ich dabei krumm sitzen. Man sollte solche Versprechen zuerst in Ruhe prüfen.
«Die Hälfte?», fragte ich.
«Steht da.»
«Welche Hälfte?»
Meine Frau nahm einen Schluck Kaffee.
«Fang doch einmal mit deinem Rücken an.»
Ich fand, damit wich sie einer berechtigten Frage aus. Wenn sich fünfzig Prozent meiner Probleme durch Aufrichten erledigten, wollte ich vorher wissen, ob die Probleme mit der Steuererklärung dazugehören.
Grundsätzlich habe ich Haltung. Ich habe eine klare Haltung zu Laubbläsern, Parkplatzgebühren und Leuten, die beim Bäcker erst an der Reihe entscheiden, welches Brot sie möchten.
Meine Frau meinte allerdings die körperliche.
«Du sitzt in letzter Zeit so zusammengesunken.»
«Ich entspanne mich.»
«Du siehst aus, als würdest du langsam zwischen die Stuhllehnen verschwinden.»
Ich richtete mich auf. Es knackte.
Meine Frau schaute kurz zur Kaffeemaschine.
«Das war ich», sagte ich.
Im Artikel ging es um Lu Jong, eine tibetische Bewegungspraxis, bei der Atem, achtsame Bewegungen und die Wirbelsäule eine wichtige Rolle spielen.
«Das wäre doch etwas für dich», sagte sie.
Ich betrachtete das Foto.
«Muss man dafür nach Tibet?»
«Nach Winterthur.»
Das schwächte mein Hauptargument erheblich.
Vor dem Termin beschloss ich, meine Wirbelsäule schon einmal auf den bevorstehenden Einsatz hinzuweisen. Ich stellte mich im Wohnzimmer gerade hin, zog den Bauch ein und nahm die Schultern zurück.
«Was machst du?», fragte meine Frau.
«Aufrichten.»
«Du hältst die Luft an.»
Ich atmete aus. Die Haltung war weg.
Offenbar bestand zwischen meinem Bauch und meiner Wirbelsäule ein Abkommen, von dem ich bisher nichts gewusst hatte. Für die Stunde zog ich eine bequeme Hose an. Eine mit Gummibund. Früher hielt ich solche Hosen für eine Kapitulation. Heute schätze ich ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit.Meine Frau musterte mich an der Tür.
«Geh einfach offen hin.»
«Ich habe oben bereits einen Knopf offen.»
Sie schloss kurz die Augen. Vermutlich eine Achtsamkeitsübung.
In der Yoga Academy Winterthur stellte ich mich vorsichtshalber in die hintere Reihe. Von dort konnte ich beobachten, wie andere Menschen mit ihrer Wirbelsäule umgingen.
Die Kursleitung erklärte, dass wir innerhalb unserer eigenen Möglichkeiten üben sollten. Niemand müsse besonders tief kommen oder etwas erzwingen.
Das gefiel mir. In meinem bisherigen Leben waren meine Möglichkeiten meistens erst dann erwähnt worden, wenn ich sie nicht ausgeschöpft hatte.
Wir begannen im Stehen.
Ich richtete mich auf, wie ich es gelernt hatte: Brust raus, Bauch rein, Gesichtsausdruck: Grenzwache.
«Du darfst die Schultern lockerlassen», hörte ich.
Ich liess sie sinken.
«Und weiteratmen.»
Es war erstaunlich, wie viel Betreuung ein Mensch beim einfachen Herumstehen benötigen konnte.
Nach der Stunde stand ich einen Moment da.
Ich war immer noch Fredy. Meine Knie hatten sich nicht verjüngt, und die Steuererklärung wartete vermutlich unverändert zu Hause. Aber ich fühlte mich beweglicher. Das Stehen war angenehm. Und in meinem Kopf sprach ausnahmsweise niemand dazwischen.
Auf dem Heimweg bemerkte ich ein Schaufenster, an dem ich schon hundertmal vorbeigegangen war. Bisher hatte ich dort hauptsächlich meine Schuhe gesehen, die sich im Fenster spiegelten.
Diesmal sah ich mich ganz.
Ich blieb kurz stehen.
Ein ordentlich aufgerichteter älterer Herr schaute zurück. Ich nickte ihm zu. Man muss Fortschritte anerkennen, auch wenn sie einem selbst gehören.
Zu Hause sass meine Frau am Tisch.
«Und?»
«Gut.»
«Was heisst gut?»
«Ich würde wieder hingehen.»
Sie legte die Zeitung weg. Offenbar war das eine Nachricht, die volle Aufmerksamkeit verdiente.
Beim Abendessen sass ich bequem und aufrecht. Ohne eingezogenen Bauch. Ich konnte sogar gleichzeitig atmen und Kartoffeln essen.
«Du wirkst irgendwie zufriedener», sagte meine Frau.
«Möglicherweise stimmt das mit der Hälfte der Probleme.»
Sie lächelte und schob mir einen Zettel hin.
Der tropfende Wasserhahn. Das Altpapier. Die lockere Schranktür.
Ich betrachtete die Liste.
«Was ist das?»
«Die andere Hälfte.»
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